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Benedikt-Anliegen

Kirchenlehrer der Moderne

Die Auseinandersetzung um das Vermächtnis Benedikts XVI. wird anhalten. Es geht um eine „epochale Wegscheide in der Kirchengeschichte“. Benedikt-Biograph Peter Seewald zum 95. Geburtstag des emeritierten Papstes.



von Peter Seewald

Der neu gewählte Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) begrüßt die Massen mit den Händen nach oben.

Es war bei unserer ersten Begegnung im November 1992. Als ehemaliger Kommunist und Spiegel-Autor stand ich Joseph Ratzinger nicht sonderlich nahe. Umso überraschter war ich, als ich auf einen Mann traf, der nichts von einem Kirchenfürsten an sich hatte, und von einem „Panzerkardinal“ schon gar nicht.

Alles an ihm wirkte bescheiden, unpretentiös, zugänglich. Als es um seinen Job ging, gestand mir der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, er sei müde und ausgebrannt. Es müsse jetzt eine jüngere Kraft seine Aufgaben übernehmen. Dreizehn Jahre später wird er, in einem der kürzesten Konklave der Geschichte, Oberhaupt der ältesten und größten Religionsgemeinschaft des Erdballs. Er stellte sogar noch einen Rekord auf: als der seit dem Apostel Petrus am längsten lebende Papst überhaupt.

Peter Seewald bei einem seiner Gespräche mit Papst Benedikt XVI. Im Vordergrund sieht man ein Kreuz.

Die Welt ist zutiefst gespalten, wenn es darum geht, den deutschen Papst einzuordnen.

Die Welt ist zutiefst gespalten, wenn es darum geht, den deutschen Papst einzuordnen. Er gilt als einer der klügsten Denker unserer Zeit, das Licht auf dem Berg – gleichzeitig blieb er eine Reizfigur. Ein Unbequemer, der seine Gegner auf die Palme bringt. Der frühere Präfekt war nicht ganz schuldlos daran. Seine gelegentlich rigide, unvermittelte Kommunikation wirkte provozierend. Als Protagonist einer authentischen Cattolica war Ratzinger freilich schon aufgrund seiner Unbeirrbarkeit der neben Karol Wojtyla am meisten bekämpfte Kirchenführer, speziell in seinem Herkunftsland.

Er gehe nicht weg vom Kreuz, verkündete Benedikt nach seinem Amtsverzicht. Er wusste genau, von was er sprach. In Bezug auf seine Kirche. Und auf ihn selbst. Als Emeritus genügte schon, einen bestimmten Satz gesagt, einen Aufsatz geschrieben zu haben, um an den Pranger gestellt zu werden. Er würde seinem Nachfolger in die Parade fallen und sein Schweigegelübde brechen, hieß es. In Wahrheit gibt es keine einzige Wortmeldung Benedikts, in der er Papst Franziskus kritisiert hätte. Ein Schweigegelübde hatte er ohnehin nie abgelegt.

Die jüngste Attacke, die versuchte, Person und Vermächtnis des deutschen Papstes zu diskreditieren, waren Verdächtigungen, Ratzinger hätte in seiner Zeit als Bischof von München sexuellen Missbrauch vertuscht und die Täter geschützt. Doch weder hatte der Emeritus bei einer Aussage gelogen, wie ihm eine Anwaltskanzlei unterstellte, noch gab es für die angeblichen „Fehlverhalten“ stichhaltige Belege. Die bloße Anklage und das Wort von der „Lüge des Papstes“, das eine mediale Empörungswelle in Bewegung setzte, waren freilich eine viel zu ersehnte Vorlage, um darauf verzichten zu wollen.

Kardinal Joseph Ratzinger (73) berichtet am 30.10.2000 bei einer Pressekonferenz in München über sein Buch "Gott und die Welt", das er mit dem Journalisten Peter Seewald konzipiert hat.

Joseph Ratzingers Leben schrieb eine Jahrhundertbiographie.

Joseph Ratzingers Leben schrieb eine Jahrhundertbiographie. Es gibt keinen zeitgenössischen Deutschen, der ihm an Bedeutung gleichkäme. Das ist der blutjunge Professor als neuer Stern am Himmel der Theologie, der es vermochte, eine neue Frische und Intelligenz im Erkennen und Aussagen der Geheimnisse des Glaubens zu vermitteln. Der 35-jährige Spindoctor, dessen Initiativen das Zweite Vatikanum zu jenem Ereignis werden ließen, das die katholische Kirche in die Moderne katapultierte. Als Glaubenshüter trug er dafür Sorge, dass das Schiff Kirche auf Kurs blieb. Das im Evangelium überlieferte Wort Gottes, betonte er, sei zwar interpretierbar und enthülle immer neue Geheimnisse, sein Grundgehalt jedoch sei nicht verhandlungsfähig.

Unvergesslich die historischen Tage im Frühjahr 2005. Kaum jemand glaubte wirklich daran, dass der „Großinquisitor“ auch nur den Hauch einer Chance hätte, Papst zu werden. Als der neue Pontifex endlich selbst auf die Loggio des Petersdomes trat, löste sich ein Jubel ohne Grenzen. Un papa tedesco – ein deutscher Papst! Der erste wieder nach einem halben Jahrtausend. 100 000 Menschen hüpften in die Luft, klatschten wie verrückt in die Hände, lagen sich mit Tränen in den Armen. Vielleicht hätte der neue Oberhirte auch selbst am liebsten Tränen vergossen. In seiner Rührung über die Zuneigung des großen Gottes, der den nach eigenem Selbstbildnis so schwächlichen Menschen am Ende seines Lebens die gesamte Herde anvertraute. Er sei nur „ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“, stellte sich Benedikt XVI. vor. Ihn tröste jedoch „die Tatsache, dass der Herr auch mit ungenügenden Werkzeugen zu arbeiten und zu wirken weiß.“

Dann warf er die Arme hoch, freudig, erleichtert, mit senkrecht nach vorne aufgestellten Handflächen, wie man es von Jesus-Darstellungen kennt. „Ich habe geweint“, gestand Rock-Legende Patti Smith, die inmitten der Menge stand: „Selbst aus großer Entfernung konnte man die Menschlichkeit dieses Mannes spüren. Ich weiß, dass er nicht jedermanns Geschmack ist, aber ich denke, er ist eine gute Wahl. Ich mag ihn, sehr sogar.“

Ich war aus der Kirche ausgetreten, aber mir imponierte, dass der Kardinal auf den Primat der Liebe pochte, dem Atomkern der gesamten Schöpfung.

Ich war aus der Kirche ausgetreten, aber mir imponierte, dass der Kardinal auf den Primat der Liebe pochte, dem Atomkern der gesamten Schöpfung. Wie er aufzeigte, dass Religion und Wissenschaft, Glaube und Vernunft keine Gegensätze sind. Crede, ut intelligas, glaube, damit du erkennst, sagte er mit dem heiligen Augustinus. Denn verfügbar werde die Wahrheit für den Menschen nur in der Erleuchtung durch den göttlichen Geist. Seine Art zu lehren erinnerte an spirituelle Meister, die nicht durch eitle Lektionen überzeugen, sondern durch leise Gesten, versteckte Hinweise, Langmut. Vor allem durch das eigene Beispiel, zu dem Integrität, Treue, Courage und eine gehörige Portion Leidensbereitschaft gehört.

Im Jahr 2010 erschien das Buch „Licht der Welt“. Ein Gespräch Seewalds mit Papst Benedikt XVI. Papst Benedikt hält das Buch in der Hand, links von ihm stet Peter Seewald.

Ich mochte seinen trockenen Humor, seine Gelassenheit, den Einsatz für die Frömmigkeit der einfachen Gläubigen. Dialog war ihm wichtig. Legendär seine Dispute mit linken Intellektuellen, etwa dem Soziologen Jürgen Habermas. Bei unseren Gesprächen legte er gelegentlich ein Bein über die Stuhllehne, um dann, im Eifer der Diskussion, seinen Geist in höchste Höhen zu treiben. Joviales Schulterklopfen hingegen war nicht zu erwarten. Der Gedanke, mit dem Mann spätabends noch einen Whisky zu trinken, konnte gar nicht erst aufkommen. Niemals in den fast dreißig Jahren, die ich ihn als Journalist begleite, lud er mich zum Essen ein. Wohl auch deshalb, um die journalistische Distanz nicht zu unterlaufen, die die Grundlage für unsere Interviews bildete.

Geprägt in einer Jugend, als der Wahn, eine Welt ohne Gott, und einen „neuen Menschen“ schaffen zu wollen, in Terror und apokalyptischer Verwüstung endete, verließ Ratzinger nie der Mut, sich gegen das „man“ zu stellen. Gegen das, was „man“ zu denken, zu sagen und zu tun habe. Eine Wahrheit auch dann auszusprechen, wenn sie unbequem ist, fühlte er sich genauso verpflichtet wie dem Widerstand gegen alle Versuche, aus der Botschaft Christi eine Religion nach den Bedürfnissen der „Zivilgesellschaft“ zu machen.

In Bezug auf die Kirche hatte sich Ratzinger eine Grunderfahrung eingeprägt, dass nämlich „die bloße institutionelle Garantie nichts nützt, wenn nicht auch die Menschen da sind, die sie aus innerer Überzeugung heraus tragen.“ Es sei ein grandioser Irrtum, zu denken, man müsse sich nur ein anderes Mäntelchen umhängen, schon würde man wieder von jedermann geliebt und anerkannt. Schon gar nicht in einer Zeit, in der viele schon nicht mehr wüssten, von was man spräche, wenn man vom katholischen Glauben rede. Nur durch seine entschiedene Ethik könne das Christentum ein wirklicher Partner bei den schwierigen Fragen modernen Lebens bleiben.

Im Grunde rannte kein Kirchenmann so vehement gegen die Verflachung und Verbürokratisierung seiner Kirche an wie der Präfekt der Glaubenskongregation.

Im Grunde rannte kein Kirchenmann so vehement gegen die Verflachung und Verbürokratisierung seiner Kirche an wie der Präfekt der Glaubenskongregation. „Die Kirche hat von Christus her ihr Licht“, beharrte er, „wenn sie dieses Licht nicht auffängt und weitergibt, ist sie nur ein glanzloser Klumpen Erde.“ Insbesondere dem katholischen Establishment in Deutschland hielt er vor, es habe die „Dynamik des Glaubens“ abgewürgt durch Geschäftigkeit, Selbstdarstellung und lähmende Debatten um Strukturfragen, „die am Auftrag der katholischen Kirche völlig vorbeigehen“. Feige Anpassung gegenüber den Ansagen der Medienmächte und die Dominanz des Mammons seien Hauptprobleme. Unzählige Funktionäre, aber vor allem auch führende Bischöfe, hätten sich nicht nur selbst von den Geheimnissen und Segnungen des katholischen Glaubens entfernt, sondern verbauten auch den ihnen anvertrauten Seelen den Zugang dazu. Im Übrigen habe es der Kirche nie geschadet, ihre Güter aufzugeben, um stattdessen ihr Gut zu bewahren.

Zeigt sich in Benedikt XVI. wirklich ein Papst, dessen Wahl eher ein Versehen und dessen Pontifikat eine einzige Abfolge von Skandalen war, wie „kritische“ Journalisten nicht müde werden zu posaunen? Müsste sie eine Ratzinger-Biografie schreiben, meinte Christiane Florin  kürzlich in einer Talkshow, dann trüge diese den Titel „Ich war’s nicht“. Hätte sie es doch getan. Der kirchenpolitischen Redakteurin der Deutschen Welle wären Peinlichkeiten dieser Art erspart geblieben. In Wahrheit kann der Name Ratzinger geradezu als ein Synonym gelten für Begriffe wie Standhaftigkeit, Bekennermut, Verantwortung. Wenn andere sich wegduckten, blieb er stehen. Ob als 17-jähriger Soldat, der sich von Nazioffizieren anhören musste, nach dem Endsieg werde es Leute wie ihn, die Priester werden möchten, nicht mehr geben; als unbequemer Theologe, der sich der Umwertung des Konzils entgegenstellte; als Präfekt der Glaubenskongregation, der sich Irrlehrern in den Weg stellte.

Man sieht einen großen Stuhl und rechts im Bild Papst Benedikts XVI. Rücken

Über die Wahrheit lässt sich nicht abstimmen.

Unüberhörbar seine Anklage am Karfreitag des Jahres 2005: „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten?“ Und während nicht wenige Bischöfe ihre Haltung vom Beifall der Medien abhängig machten, war für Ratzinger Appeasement keine Option: Über Wahrheit lässt sich nicht abstimmen, beharrte er. Und wenn Irrtümer nicht mehr abgewehrt werden, ist Glaube nur noch der kleinstmögliche gemeinsame Nenner, den man dann „Toleranz“ nenne. In der Folge werde es immer nebensächlicher, was toleriert wird, sondern hauptsächlicher, dass toleriert wird, was immer es auch sei.

Ab den 80er-Jahren übernahmen Journalisten das Wording vom „Großinquisitor“, das Hans Küng in die Welt setzte – neben der Legende von der Wende Ratzingers vom Progressiven zum Reaktionär –, um den ehemaligen Kollegen kaltzustellen. In Wirklichkeit hatte es diese Wende nie gegeben. Wer etwa Ratzingers „Einführung in das Christentum“ liest, wird darin vor 1968 keinen anderen Theologen finden als nach 68. Der Neutestamentler Siegfried Wiedenhofer war deshalb überzeugt: Im Eigentlichen sei es im Konflikt mit Ratzinger „um eine epochale Wegscheide in der Kirchengeschichte“ gegangen. Zur Disposition stand, Jesus nach dem Credo weiterhin als den Christus, den Sohn Gottes anzuerkennen, oder lediglich als historische Figur, die interessante ethische Ansätze zur Diskussion stellte. „So gesehen stand nicht weniger auf dem Spiel“, so Wiedenhofer, „als die Identität des Glaubens und seine Relevanz in der modernen Welt.“

Ein Erneuerer des Glaubens, der zum Kern des Christentums führte, nicht zu seiner Entkernung

Selbst die jahrzehntelangen Attacken konnten nicht verhindern, dass der erklärte Hauptfeind sogenannter Kirchenvolksbewegungen mit seinen Millionenauflagen rund um den Erdball zum meistgelesenen Theologen der Neuzeit aufstieg. Fest steht: Mit seinem Beitrag zum Konzil, der Wiederentdeckung der Väter und der Verlebendigung der Lehre kann Ratzinger als ein Erneuerer des Glaubens gelten, der wie alle echten Reformer dazu beitrug, zum Kern des Christentums zu führen, nicht zu seiner Entkernung. Sein Kampf gegen den sexuellen Missbrauch legte die Grundlagen für Aufklärung, Prävention und Sühne. Viele der Neuerungen, für die Franziskus gerühmt wird, wurden von Benedikt in die Wege geleitet. Interreligiöser Dialog und die Beziehung zum Judentum erlebten eine neue Blüte. Mit Enzykliken wie Deus caritas est (Gott ist Liebe) hob er päpstliche Lehrschreiben auf ein nicht gekanntes Niveau. Sein Apostolisches Dokument Summorum Pontificum öffnete den Zugang und die Wertschätzung für die klassische Liturgie. Alleine der Akt der ersten Demission eines real regierenden Pontifex und die Kreierung eines Papa Emeritus, die das Papsttum für immer veränderten, macht Ratzinger zu einer der herausragendsten Figuren in der zweitausendjährigen Historie der Kirche.

Das Medaillon des emeritierten Papstes Benedikt XVI. in der Kirche Sankt Paul vor den Mauern in Rom am 25. Januar 2020.

Benedikt XVI. hat nicht alles richtig gemacht. Fehler allerdings gestand er unumwunden ein. Er war aber auch nicht der „Professor Papst“, wie Journalisten gerne formulieren. Das Bild mag sich anbieten, aber es greift daneben. Denn vor allem war Joseph Ratzinger ein Hirte, der sich mit den Gaben, mit denen er reich gesegnet wurde, und in der ihm eigenen Eleganz und in einer geradezu poetisch-musikalischen Verkündigung der Botschaft Christi um das Wohl der Menschen mühte. Nicht zuletzt verstand er sich als der Pontifex zwischen den Welten. Als der letzte einer alten und der erste einer neuen. Tatsächlich war er der letzte Papst, der am eigenen Leib den Terror der Nazis und den Weltkrieg erlebte. Der Letzte, der ein Europa verkörperte, das sich in seiner Kultur, seiner Wissenschaft, seinem Glauben auf das Erbe der griechischen und römischen Antike sowie der religiösen Prägung durch das Juden- und Christentum stützte. Der erste aller Stellvertreter Christi, dem es gegeben war, der Menschheit eine Christologie vorzulegen. Und schließlich der Erste, der eine Kirche voraussah, die wieder in der Diaspora existieren wird – und der für die schwierige Situation der Katholiken in einer den Überlieferungen des Christentums wieder feindlich gegenübertretenden Umwelt das Konzept anbot, auch in einer säkularisierten Gesellschaft wirken zu können.

Die Auseinandersetzung um das Vermächtnis Benedikts wird anhalten.

Vermutlich stehe nun eine andere Epoche der Kirchengeschichte bevor, analysierte Ratzinger, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen sichtbar wird, „in scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen; die Gott hereinlassen.“ Um Antwort auf die Krise der Kirche zu finden und nicht an aktuellen Skandalen zu verzweifeln, empfahl er, sich nicht mit den gerade in ihr herrschenden Kräften zu identifizieren, sondern mit dem Glauben der Kirche und den Gläubigen aller Jahrhunderte. Die Vernünftigkeit des Glaubens, das Beispiel der Heiligen, die Schönheit und Tiefe des liturgischen Lebens – all dies sei ja nicht einfach weggewischt, vorbei und vergessen durch die Abstimmung des momentanen Zeitgeistes.

Die Auseinandersetzung um das Vermächtnis Benedikts wird anhalten. Unmöglich jedoch könnte ein seriöser Historiker behaupten, ohne Ratzinger wäre die Geschichte genauso verlaufen wie mit ihm. Sein für die Zukunft von Kirche und Welt bedeutendes Erbe ist das eines Jahrhundertzeugen, eines Mannes der Mitte, der versuchte, in der Erneuerung zu bewahren, in der Bewahrung zu erneuern. Benedikt XVI. verkörpert dabei wie kaum jemand sonst das Narrativ einer Kirche, die ihren Stifter und dessen Auftrag in den Mittelpunkt stellt – und nur so Orientierung und Hoffnung geben kann; weit über alles Irdische hinaus. Wäre die katholische Kirche in Deutschland seiner Linie gefolgt, hätte sie sich nicht, ähnlich wie die deutsche Politik gegenüber einem potentiell feindlichen Aggressor, in ihren Lebenslügen eingesponnen, sie stünde heute vielleicht nicht mitgliederstärker, aber gewiss profilierter, glaubensstärker und überzeugender da.

Der Autor des Papst-Buches "Licht der Welt", Peter Seewald, am 15. November 2010 in seiner Wohnung in München am Schreibtisch. Im Vordergrund rechts ist eine kleine Figur des Papstes zu sehen.

Das Weizenkorn muss sterben

Das Weizenkorn muss sterben, heißt eines der Lieblingsgleichnisse Benedikts, damit es neu erwächst. Vielleicht werden nach seinem Tod auch abseitsstehende Beobachter bereit sein, mit einem neuen Blick auf den deutschen Papst zu schauen. International gesehen braucht es keine Ratzinger-Renaissance, die Nachfrage nach seinem Werk und seine Akzeptanz als ein Kirchenlehrer der Moderne hat nie nachgelassen. „Wagen wir den Lebensstil Jesu Christi“, rief der Pontifex seinen Leuten zu, „haben wir den Mut, den Glauben zu leben. Lassen wir uns nicht einreden, dies sei veraltet oder überholt! Überholt und gescheitert sind die materialistischen Lebensmodelle, alle Versuche, ein Lebensprojekt ohne Gott aufzubauen. Christus aber ist nicht nur gestern und heute, er ist auch morgen, weil ihm die Ewigkeit gehört.“

Die Symbolik des Karsamstag

Es lässt fast an eine himmlische Regie denken, dass der diesjährige Geburtstag des deutschen Papstes auf einen Karsamstag fällt, auf dieses zeichenträchtige Datum, an dem Ratzinger vor 95 Jahren das Licht der Welt erblickte und die Taufe empfing. 

Die Benedikt-Biographie von Peter Seewald gilt als internationales Standard-Werk über das Leben Joseph Ratzingers.

Der „Erste des neuen Osterwassers“ zu sein, bekannte er, sei in seiner Familie „immer als eine Art Privileg betrachtet worden, in dem eine besondere Hoffnung, auch eine besondere Weisung liegt, die sich im Laufe der Zeit enthüllen muss“. Dieses „Bewusstsein“ habe ihn stets begleitet, so dass er versucht habe, die Aussage des Karsamstag „immer tiefer zu verstehen“ – auch als ein „Programm für mein Leben“.

In der Symbolik dieses Tages, so Ratzinger, liege etwas „von der Situation der menschlichen Geschichte überhaupt“. Da seien „einerseits die Dunkelheit, das Ungewisse, das Fragende, die Gefährdungen, das Drohende – aber auch die Gewissheit, dass es Licht gibt, dass es sich lohnt, zu leben und weiterzugehen“. Letztlich sei Jesus‘ karsamstägliches Hinabsteigen „in die unterste Tiefe“, die Sphäre der Gottverlassenheit, dieses „dunkelste Geheimnis des Glaubens“, auch „das hellste Zeichen der Hoffnung“: „Die Liebe ist eingedrungen in das Reich des Todes: Auch in der extremsten Dunkelheit können wir eine Stimme hören, die uns ruft, eine Hand suchen, die uns ergreift und uns nach draußen führt.“