zum Benedikt Anliegen

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Benedikt-Anliegen

Mitarbeiter der Wahrheit“

Der rote Faden im Leben und Wirken von Benedikt XVI.

An seinem bischöflichen Wahlspruch „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu sein, hat sich Joseph Ratzinger nicht nur als Theologe orientiert. Dieser Leitgedanke bildet den roten Faden im Leben und Wirken Joseph Ratzingers als Christ und Theologe, als Bischof und Papst, und er bezeugt eine tiefe und innere Kontinuität durch seine ganze Biographie hindurch. Eine Einführung in das Denken und die zentralen Themen Joseph Ratzingers.

 

Von Kurt Kardinal Koch

Joseph Ratzinger im Dialog mit dem Philosophen Jürgen Habermas (links im Bild).

Erst wenn Wahrheit und Liebe übereinstimmen, kann der Mensch froh werden, erst die Wahrheit macht frei. [1]

Mit diesen präzisen Worten hat Joseph Ratzinger die Kernmitte seines theologischen Denkens in einer Kurzformel verdichtet. Er hält damit zusammen, was unlösbar zusammengehört und was doch in der heutigen Mentalität oft getrennt wird, indem Liebe und Wahrheit als Gegensätze betrachtet werden und die Freiheit nur mit der Liebe, nicht aber mit der Wahrheit in Verbindung gebracht wird.

Warum Liebe und Wahrheit untrennbar zusammengehören

Für Papst Benedikt XVI. aber fordern und fördern sich Liebe und Wahrheit so sehr gegenseitig, dass er prägnant formulieren kann: „Liebe ohne Wahrheit wird blind und zur Karikatur ihrer selbst – Wahrheit ohne Liebe wird grausam und verspielt so ihr eigenes Wesen." [2] Das Christentum ist in den Augen von Papst Benedikt XVI. in der Tat nicht nur von seinem Ursprung her, sondern auch in seinem tiefsten Wesen die Religion der Liebe. Das Christentum stammt aus der Liebe Gottes, der uns liebt, und führt uns Menschen in die Liebe, die wir Gott zurückschenken und von daher einander geben.

Diese Liebe ist aber nichts Bequemes und oder Billiges, sondern sie verlangt, dass wir uns auch für ihre Wahrheit öffnen, die anspruchsvoll ist. Man kann sich diesen grundlegenden Sachverhalt an einem einfachen Beispiel klar machen: Wenn ich einen jungen Menschen, der drogenabhängig und Gefangener seines Lasters geworden ist, wirklich liebe, werde ich gewiss nicht dem verborgenen Willen des kranken Menschen nach Selbstvergiftung entsprechen, sondern werde alles versuchen, ihn von seiner Sucht zu heilen, selbst wenn ich gegen den erblindeten Willen des Süchtigen handeln und ihm sogar Schmerzen zufügen muss.

Dieses Beispiel zeigt, dass Liebe auch Heilung voraussetzt und selbst Heilung ist, oder mit den Worten von Papst Benedikt XVI., „Teilnahme am Schmerz des Übergangs von der Droge der Sünde zur Wahrheit der Liebe“. [3] Diesem intimen Bündnis zwischen Wahrheit und Liebe im theologischen Denken von Papst Benedikt XVI. wollen wir im Folgenden weiter nachdenken.

Die Reproduktion zeigt das Wappen von Joseph Ratzinger als Erzbischof von München und Freising. Das neue Oberhaupt der katholischen Kirche Benedikt XVI. hat seine altbayerische Heimat voll in das päpstliche Wappen aufgenommen. Alle Elemente des Wappens, das er schon als Erzbischopf von München und Freising und danach als Präfekt der Römischen Glaubenskongregation führte, seien auch in das päpstliche Wappen eingegangen, teilte das Erzbischöfliche Ordinariat am Montag in München mit. Zu den Symbolen zählen der «Freisinger Mohr», der Korbiniansbär und eine Muschel.

Was Ratzingers bischöflicher Wahlspruch beinhaltet

Als im Jahre 1977 der damalige Regensburger Theologieprofessor Joseph Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising geweiht worden ist, hat er zu seinem Wappenspruch das Wort aus dem Dritten Brief des Johannes gewählt: „Darum sind wir verpflichtet, solche Männer aufzunehmen, damit auch wir zu Mitarbeitern für die Wahrheit werden“ (V. 8).

Johannes denkt dabei vor allem an die Wandermissionare, denen gegenüber er Gastfreundschaft in der Überzeugung einfordert, dass die gastfreundliche Liebe zu ihnen zugleich ein Dienst an der Wahrheit ist, die die Wandermissionare verkünden. Indem die Glaubenden durch ihre gastfreundliche Liebe die Verkündigung der Missionare ermöglichen, werden sie selbst zu „Mitarbeitern der Wahrheit“. Dieses Wort hat Joseph Ratzinger zum Leitwort seines bischöflichen Dienstes gewählt [4]. Er hat damit aber nur ins Wort gebracht, wie er bereits seine Berufung als Theologe gesehen hat, nämlich im intellektuellen Dienst an der Wahrheit Gottes zu stehen, die er in seiner Geschichte mit der Menschheit offenbart hat.

Diesen Dienst hat Joseph Ratzinger darin gesehen und wahrgenommen, in der heutigen Welt, in der die Gefahr groß ist, dass der Mensch gerade angesichts der Größe seines Wissens und Könnens vor der Frage der Wahrheit kapituliert, „Hüter der Sensibilität für die Wahrheit zu sein, den Menschen nicht von der Suche nach der Wahrheit abbringen zu lassen“ [5]

Am Leitgedanken, Mitarbeiter der Wahrheit zu sein, hat sich Joseph Ratzinger nicht nur als Theologe orientiert. Dieser Leitgedanke bildet vielmehr den roten Faden im Leben und Wirken Joseph Ratzingers als Christ und Theologe, als Bischof und Papst, und er bezeugt eine tiefe und innere Kontinuität durch seine ganze Biographie hindurch.

Diener der Wahrheit: als Theologe, Bischof und Papst

Auf der einen Seite hat Joseph Ratzinger sein theologisches Denken immer und prioritär als Mit-Denken mit der ganzen Kirche und in diesem elementaren Sinn als kirchlichen Dienst an der objektiv vorgegebenen Wahrheit des Glaubens der Kirche verstanden. Auf der anderen Seite hat sich Joseph Ratzinger mit seiner Berufung in das Amt des Bischofs, des Präfekten der Glaubenskongregation und des Papstes nie von der Theologie verabschiedet.

In seiner Überzeugung, in erster Linie zum Theologen und damit zum Diener an der Wahrheit berufen zu sein, ist er auch als Papst dieser Verantwortung des Theologen verpflichtet geblieben und hat das innere Wesen seines Hirtendienstes darin gesehen und wahrgenommen; „die Sensibilität für die Wahrheit wachzuhalten, die Vernunft immer neu einzuladen, sich auf die Suche nach dem Wahren, nach dem Guten, nach Gott zu machen und auf diesem Weg die hilfreichen Lichter wahrzunehmen, die in der Geschichte des christlichen Glaubens aufgegangen sind und dabei dann Jesus Christus wahrzunehmen als Licht, das die Geschichte erhellt und den Weg in die Zukunft zu finden hilft“ [6].

Der Hirtendienst des Papstes besteht deshalb im vollmächtigen Dienst der Lehre an der Wahrheit des Glaubens und schließt in besonderer Weise den Dienst am Glaubensgehorsam ein, wie Papst Benedikt XVI. in der Lateranbasilika bei der Inbesitznahme der Kathedra des Bischofs von Rom zum Ausdruck gebracht hat.

Bischofsweihe am 28. Mai 1977 durch den Bischof von Würzburg Josef Stangl in Frauenkirche München. 15. Februar 1982 Amtsniederlegung in München, als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre nach Rom.

 

Glauben, Denken, Gehorsam: Worin sich Theologen von anderen Wissenschaftlern unterscheiden

Diese Kathedra ist für ihn Symbol jener Lehrvollmacht, die nichts anderes sein kann als „Macht des Gehorsams und Dienstes“, damit das Wort Gottes und damit die Wahrheit in der Welt aufstrahlen und den Menschen den Weg des Lebens weisen kann. Indem die Sendung des Bischofs von Rom darin besteht, die ganze Kirche zum Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes zu verpflichten und sich selbst als der exemplarisch Gehorsame zu bewähren, muss sein Dienst Gehorsam gegenüber Christus und seiner Wahrheit garantieren, was in den Worten von Papst Benedikt XVI. bedeutet: „Er darf nicht seine eigenen Ideen verkünden, sondern muss – entgegen allen Versuchen von Anpassung und Verwässerung sowie jeder Form von Opportunismus – sich und die Kirche immer zum Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes verpflichten.“ [7]

Der Glaubensgehorsam, der vom Theologen ebenso abverlangt sein muss wie vom Papst, hat in den Augen von Joseph Ratzinger seinen tiefsten Grund darin, dass die Wahrheit, in deren Dienst Theologe wie Papst stehen, ihnen vorgegeben ist. Darin unterscheiden sich Theologie und kirchliches Lehramt von allen anderen wissenschaftlichen Denkanstrengungen und letztlich sogar von jedem denkenden Menschen. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass bei ihm das Denken dem Sprechen und der Gedanke dem Wort vorausgehen. Denn Menschen, die zunächst sich selbst reden gehört haben müssen, damit sie überhaupt wissen, was sie denken sollen, pflegen wir mit Recht als nicht besonders intelligent oder weise zu bezeichnen.

Beim christlichen Theologen und kirchlichen Verkünder hingegen verhält es sich ganz anders. Damit soll ihm keineswegs solides Denken abgesprochen werden – ganz im Gegenteil. Doch beim christlichen Theologen und Verkünder geht, wenn sie sich selbst und ihre Verantwortung recht verstehen, das Wort immer ihrem Denken voraus. Dabei handelt es sich freilich gerade nicht um das Wort des Theologen und Verkündigers, sondern um das Wort Gottes, das auf den Theologen und Verkündiger zukommt und das er zunächst empfangen und annehmen muss, bevor er es reflektiert und weitergibt.

In der Theologie geht das Wort Gottes dem Denken immer voraus. Theologisches Denken ist deshalb im besten Sinne des Wortes nachdenkendes und nach-denkliches Denken.

Denn die Theologie kann das Wort Gottes nicht er-finden; sie kann es nur finden oder besser: sich von ihm finden lassen. Die Theologie kann das Wort Gottes nicht er-zeugen; sie kann es vielmehr nur be-zeugen, und zwar mit dem notwendigen Interesse der systematischen Kohärenz. Die Theologie kann das Wort nicht her-stellen; sie kann es vielmehr nur dar-stellen, und zwar in einer möglichst redlichen Art und Weise. Allein in dieser Weise dient Theologie der Wahrheit, die der christliche Glaube für sich in Anspruch nimmt.

In der Theologie geht das Wort Gottes dem Denken immer voraus. Theologisches Denken ist deshalb im besten Sinne des Wortes nachdenkendes und nach-denkliches Denken. Christliche Theologie ist das disziplinierte Nach-Denken des uns von Gott Vor-Gedachten und Vor-Gesagten, und sie geht insofern von einer Antwort aus, die sie nicht selbst gefunden oder gar erfunden hat, sondern die viel größer ist als das eigene Denken und an der sie immer wieder Maß nehmen muss, wie dies Papst Benedikt XVI. in einer Ansprache über das geistige und intellektuelle Erbe des großen katholischen Theologen Romano Guardini sehr tief ausgesprochen hat:
„Nicht unser Denken ist der Anfang, der die Maßstäbe setzt, sondern Gott, der unsere Maßstäbe übertrifft und in keine von uns zu formende Einheit eingezwängt werden kann. Gott offenbart sich selbst als die Wahrheit, aber die ist nicht abstrakt, sondern findet sich im Lebendig-Konkreten, letztlich in der Gestalt Jesu Christi." 
[8]

Aus Joseph Ratzinger wird Benedikt XVI. Nach dem Konklave grüßt der neugewählte Papst am 19. April 2005 von der Loggia des Petersdomes die Gläubigen, die auf dem Petersplatz zusammengeströmt sind.

Offenbarung Gottes: Was ist damit gemeint?

Aus dieser Vorgängigkeit des Wortes Gottes vor dem eigenen Denken ergeben sich zwei Konsequenzen, die für das theologische Denken von Joseph Ratzinger von grundlegender Bedeutung sind. Indem das Wort Gottes christlicher Theologie vorausgeht und sie zugleich ermöglicht, setzt sie erstens wesensgemäß auctoritas voraus, genauer jene Autorität der Wahrheit, die im christlichen Glauben den Namen „Offenbarung“ trägt.

Christliche Theologie ist in ihrem wesentlichen Kern Nachdenken der Offenbarung Gottes, das seine Inhalte nicht selbst findet, sondern sie aus der Offenbarung empfängt, „um sie dann in ihrem inneren Zusammenhang und in ihrer Sinnhaftigkeit zu begreifen“ [9]. Christliche Theologie ist in ihrem elementaren Sinn Offenbarungstheologie [10]; und der Begriff der Offenbarung ist gleichsam der Lichtkegel, in dem alle anderen theologisch bedeutsamen Wirklichkeiten betrachtet und verstanden werden müssen.

Im Denken Joseph Ratzingers bezeichnet der Begriff der Offenbarung Gottes dabei in erster Linie den Akt, in dem sich Gott dem Menschen zeigt und sich ihm als Liebe zusagt, und nicht das verobjektivierte Ergebnis dieses Aktes: „Offenbarung ist im biblischen Bereich nicht begriffen als ein System von Sätzen, sondern als das geschehene und im Glauben immer noch geschehende Ereignis einer neuen Relation zwischen Gott und dem Menschen.“[11]

Warum sich Ratzinger stets für den Schutz des Glaubens der Einfachen eingesetzt hat

Von daher erschließt sich auch die zweite Konsequenz aus der Vorgängigkeit des Wortes Gottes vor dem eigenen Denken. Diese besteht darin, dass die erste Antwort auf die Offenbarung Gottes nicht die Theologie, sondern der Glaube ist und dass sich in der Folge die Theologie nur recht versteht, wenn sie sich im Dienst des Glaubens vollzieht. Die Wahrheit, die christliche Theologie zu erkennen sucht, ist uns nur im Glauben zugänglich. Der Glaube ist „ein uns geschenkter neuer Anfang des Denkens […], den wir nicht aus uns selbst setzen oder ersetzen können“ [12]​​​. Nicht die Theologie kann folglich Maß und Kriterium des Glaubens und seiner Verkündigung sein; vielmehr muss umgekehrt der gelebte und reflektierte Glaube Maß und Kriterium der Theologie sein.

In diesem Primat des Glaubens vor der Theologie liegt es begründet, dass sich Joseph Ratzinger als Theologe, als Bischof und als Papst stets für den Schutz des Glaubens der Einfachen eingesetzt und die besondere Verantwortung des kirchlichen Lehramtes darin gesehen hat, Anwalt des Glaubens des Volkes Gottes zu sein, genauer „die Stimme des einfachen Glaubens und seiner einfachen Ureinsichten zu verkörpern“.

Papst Benedikt XVI. bei der Inbesitznahme des römischen Bischofsstuhls in der Lateranbasilika durch Papst Benedikt XVI. am 7. Mai 2005 in Rom.

Nicht die Intellektuellen messen die Einfachen, sondern die Einfachen messen die Intellektuellen. Nicht die intellektuellen Auslegungen sind das Maß für das Taufbekenntnis, sondern das Taufbekenntnis in seiner naiven Wörtlichkeit ist das Maß aller Theologie.

 In diesem Eintreten für den gemeinsamen Taufglauben sieht Joseph Ratzinger geradezu eine „demokratische Funktion“ der Bischöfe [13]:  „Nicht die Intellektuellen messen die Einfachen, sondern die Einfachen messen die Intellektuellen. Nicht die intellektuellen Auslegungen sind das Maß für das Taufbekenntnis, sondern das Taufbekenntnis in seiner naiven Wörtlichkeit ist das Maß aller Theologie.“ [14]

Hinter dieser Parteinahme für den gemeinsamen Taufglauben verbirgt sich gerade nicht eine Geringschätzung des einfachen Gläubigen, sondern im Gegenteil eine positive Sicht des Menschen überhaupt, insofern er überzeugt ist, dass der Mensch fähig ist, die Wahrheit zu erkennen und anzuerkennen. Im Anschluss an den Heiligen Augustinus, dessen theologisches Denken von der Grundfrage bewegt gewesen ist, was der Mensch denn stärker als die Wahrheit ersehnt – „Quid enim fortius desiderat anima quam veritatem?"[15]  –, betrachtet Joseph Ratzinger den Menschen nicht nur als ein wahrheitsfähiges, sondern auch und vor allem als ein wahrheitsbedürftiges Lebewesen, dessen tiefste Sehnsucht sich auf die Erkenntnis der Wahrheit richtet, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstags 2012 hervorgehoben hat: „Der Mensch ist ein Wesen, das einen Durst nach Unendlichkeit im Herzen trägt, einen Durst nach Wahrheit – nicht nach einer Teilwahrheit, sondern nach der Wahrheit, die den Sinn des Lebens zu erklären vermag.“[16]

Und da die Frage nach dem Menschen und die Frage nach der Wahrheit identisch sind, ist Joseph Ratzinger auch überzeugt, dass der Mensch nur in der Begegnung mit der Wahrheit, die Gott selbst ist, den tiefsten Sinn seines eigenen Lebens erkennen kann: „Nur in der Beziehung zu Gott, der Liebe ist und der sich in Jesus Christus offenbart hat, kann der Mensch den Sinn seiner Existenz finden und in der Hoffnung leben, trotz der Erfahrung von Übeln, die seine persönliche Existenz und die Gesellschaft, in der er lebt, verletzen.“[17]

Glaube und Vernunft sind aufeinander angewiesen  

Mit dem Stichwort der Wahrheit ist das zentrale Anliegen des Theologen, des Verkündigers und des kirchlichen Lehrers Joseph Ratzinger benannt. Sein Lebenswerk kreist um die Vorgegebenheit und Erkennbarkeit der Wahrheit. Denn es gehört zum Wesen des christlichen Glaubens, dass er seine eigene Vernunft und darin die Vernünftigkeit alles Wirklichen und die Vernunft selbst sucht und deshalb den Anspruch erhebt, wahr zu sein.

Wer sich diesem elementaren Anspruch stellt – und darin besteht der ureigene Auftrag christlicher Theologie –, dem muss es selbst um die Glaubwürdigkeit der Wahrheit und die Vernünftigkeit des Glaubens und damit um die innerste Korrelation von Glaube und Vernunft gehen. Der Dialog zwischen Glaube und Vernunft lag dem Theologen Joseph Ratzinger und Papst Benedikt XVI. in ganz besonderer Weise am Herzen. Denn er ist zutiefst überzeugt, dass beide aufeinander angewiesen sind und nur im wechselseitigen Gespräch Krankheiten des Glaubens vermieden und Pathologien der Vernunft überwunden werden können.

Denn ohne Vernunft droht der Glaube seine Wahrheit zu verdecken und fundamentalistisch zu werden, wie umgekehrt die Vernunft ohne Glauben einseitig und eindimensional zu werden droht. Mit diesem Anliegen hat Joseph Ratzinger immer wieder auch den Dialog mit kritischen Denkern gesucht wie mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas [18], dem italienischen Politologen Paolo Flores d’Arcais [19] und dem Philosophen und damaligen italienischen Senatspräsidenten Marcello Pera [20]Und dem Dialog zwischen Glaube und Vernunft hat Papst Benedikt XVI. auch viele seiner großen Reden auf seinen Apostolischen Reisen gewidmet. [21]

Der kritische Dialog zwischen Glaube und Vernunft ist Papst Benedikt XVI. deshalb so wichtig, weil Gott im Licht des christlichen Glaubens in erster Linie als Logos, als Wort und Sinn, als Vernunft und Wahrheit zu verstehen ist. In der Vernunft Gottes scheint deshalb auch der tiefste Grund der Vernünftigkeit der Welt auf, so dass die christliche Option für Vernunft ihrerseits im christlichen Gottesglauben fundiert ist.

Ein Portrait von Kurienkardinal Kurt Koch

Der Autor, Kurienkardinal Kurt Koch, ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. 2010 berief ihn Papst Benedikt XVI. in das Kardinalskollegium. Der Theologe aus der Schweiz gilt als exzellenter Kenner der Theologie Joseph Ratzingers/Benedikst XVI.

[1] J. Ratzinger, Glaube als Vertrauen und Freude – Evangelium, in: Ders., Theologische Prinzipienlehre. Bausteine der Fundamentaltheologie (München 1982) 78–87, zit. 84 [JRGS 6, 954–965, hier 961].

[2]  J. Ratzinger, Gottes Wort ist niemandes Knecht. Zum Wesen christlicher Existenz. Predigt bei einem Gottesdienst am Hochfest des Hl. Korbinian im Freisinger Mariendom am 18. November 1981 (München 1981) 7 [JRGS 4, 544].

[3] K. Ratzinger, Auf Christus schauen. Einübung in Glaube, Hoffnung, Liebe (Freiburg i. Br. 1989) 94–95 [JRGS 4, 471].

[4] Vgl. J. Ratzinger, Vorwort, in: Ders., Mitarbeiter der Wahrheit. Gedanken für jeden Tag (München 1979).

[5] Benedikt XVI., Vorbereitete, aber nicht gehaltene Vorlesung an der Römischen Universität La Sapienza am 17. Januar 2008.

[6] Benedikt XVI., Vorbereitete, aber nicht gehaltene Vorlesung an der Römischen Universität La Sapienza am 17. Januar 2008.

[7] Benedikt XVI., Predigt in der Eucharistiefeier anlässlich der feierlichen Inbesitznahme der Kathedra des Bischofs von Rom in der Lateranbasilika am 7. Mai 2005.

[8] Benedikt XVI., Ansprache bei der Konferenz „Romano-Guardini“-Stiftung Berlin zum Thema „Das geistige und intellektuelle Erbe Romano Guardinis“ am 29. Oktober 2010.

[9] J. Ratzinger, Glaube, Philosophie und Theologie, in: Ders., Wesen und Auftrag der Theologie. Versuche zu ihrer Ortsbestimmung im Disput der Gegenwart (Einsiedeln 1993) 11–25, zit. 14 [JRGS 9, 109–124, hier 112].

[10] Vgl. K. Koch, Offenbarung der Liebe Gottes und Leben der Liebe in der Glaubensgemeinschaft der Kirche, in: Ders., Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI. (Freiburg i. Br. 2016) 18–53.

[11] J. Ratzinger, Das Problem der Dogmengeschichte in der Sicht der katholischen Theologie (Köln und Oppladen 1966) 19 [JRGS 9, 567].

[12] J. Ratzinger, Vom geistlichen Grund und vom kirchlichen Ort der Theologie, in: Ders., Wesen und Auftrag der Theologie (Einsiedeln 1993) 39–62, zit. 48 [JRGS 9, 135–158, hier 144].

[13] J. Ratzinger, Kirche und wissenschaftliche Theologie, in: Ders., Theologische Prinzipienlehre. Bausteine zur Fundamentaltheologie (München 1982) 339–348, zit. 348 [JRGS 9, 677–688, hier 687].

[14] J. Ratzinger, Was ist Freiheit des Glaubens? Silvesterpredigt 1979, in: Ders. Zeitfragen und christlicher Glaube (Würzburg 1982) 7–27, zit. 21 [JRGS 9, 324–339, hier 335].

[15]Augustinus, Kommentar zum Johannesevangelium, 26, 5.

[16] Benedikt XVI., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstags 2012: Die jungen Menschen zur Gerechtigkeit und zum Frieden erziehen, Nr. 3. 

[17] Benedikt XVI., Ansprache beim Besuch der Päpstlichen Universität Gregoriana am 3. November 2006.

[18] Vgl. J. Habermas / J. Ratzinger, Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion (Freiburg i. Br. 2005).

[19] Vgl. P. Flores d’Arcais / J. Ratzinger, Gibt es Gott? Wahrheit, Glaube, Atheismus (Berlin 2006).

[20] Vgl. M. Pera / J. Ratzinger, Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise der europäischen Kultur (Augsburg 2005).

[21] Vgl. G. Cottini, L’Avvenimento della Conoscenza. Un itinerario tra i discorsi di Benedetto XVI al mondo della cultura, dell’Università, della scienza. Con un’antologia di testi del Papa (Milano 2011); Benedikt XVI., Die Ökologie des Menschen. Die großen Reden des Papstes (München 2012).

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