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Benedikt-Anliegen

Der Kampf gegen die „Diktatur des Relativismus"

Vor dem Einzug ins Konklave, das er als Benedikt XVI. verließ, hielt Joseph Ratzinger als Dekan des Kardinalskollegiums eine weltweit beachtete Predigt. In seiner Homilie bei der Messe „Pro Eligendo Romano Pontifice“ im Petersdom warnte Ratzinger am 18. April 2005 vor einer „Diktatur des Relativismus“. Damit prägte er einen Begriff für die großen geistigen Auseinandersetzungen unserer Zeit und zeigte auf, vor welcher Herausforderung christlicher Glaube heute steht.

 

von Professor Dr. Dr. Tracey Rowland

Portrait von Tracey Rowland

Die Predigt beginnt mit einer Betrachtung über die göttliche Barmherzigkeit und die Tatsache, dass die Gnade nicht billig erkauft ist. Ihr Preis war die Kreuzigung. In einer Ansprache, die Kardinal Ratzinger auf Einladung von Rabbi [David] Rosen 1994 in Jerusalem gehalten hat, beschrieb er den Kreuzestod Christi als einen Akt „der innersten Solidarität mit dem Gesetz und mit Israel“ und stellte fest, er sei die vollkommene Realisierung dessen, was die Zeichen des jüdischen Versöhnungstages bedeuteten.[1]

Wie er erklärte, sind alle Opfer Vertretungshandlungen, die von typologischen Symbolen des Alten Testaments im Leben Christi zur Realität werden, so dass die Symbole hinfallen können, ohne dass ein Jota preisgegeben wäre.

Die Universalisierung der Tora durch Jesus, wie sie das Neue Testament versteht, ist nicht das Herausziehen einiger universaler Moralvorschriften aus dem lebendigen Ganzen der Gottesoffenbarung. Sie behält die Einheit von Kult und Ethos bei. Das Ethos bleibt im Kult, in der Gottesverehrung begründet und verankert dadurch, dass im Kreuz der ganze Kult zusammengebündelt, ja, erst so ganz real geworden ist. [2]

Jospeh Ratzinger bei seiner predigt zu Beginn des Konklave

Der erste Karfreitag war der endgültige Versöhnungstag

Christus, der sich selbst am Kreuz als Opfer darbringt, ist daher der wahre und ewige Hohepriester, der symbolisch durch das aaronitische Priestertum vorweggenommen wurde. Um ein Wort von Geoffrey Hill zu entlehnen, der in Oxford den Titel des „Professor of Poetry“ innehatte: die Kreuzigung war kein „blutloser Mythos“.

Das Sühneopfer Christi, der zugleich ewiger Hohepriester und Opfergabe ist, stellt nicht nur die Erfüllung des Alten Testaments dar, indem es seine Symbole in eine neue Realität verwandelt. Sie führt auch zu einer neuen Herrschaft, einem neuen Königtum.

Der erste Karfreitag war der endgültige Versöhnungstag, und das Kreuz war, wie der heilige Augustinus erklärte, eine „Mausefalle“ für den Teufel. Christus hat das Kreuz als eine Falle mit seinem Blut als Köder aufgestellt, was zur Folge hatte, dass der Teufel, nachdem er das Blut von jemandem vergossen hatte, der nicht in seiner Schuld stand, gezwungen war, seine Schuldner zu frei zu lassen. Bis zu Christi triumphaler Wiederkehr beim Untergang der Welt wird der Teufel diese Herrschaft jedoch bekämpfen und den Mob aufhetzen, andere Götter anzubeten und verschiedenen Formen des Götzendienstes anzuhängen.

Wenn Christi Herrschaft angefochten wird, treten andere ,Götter’ an seine Stelle.

Joseph Ratzinger spricht seine Predigt in ein Mikrofon. Er trägt Rot und eine beige, goldfarbene Mitra

Das führt zu einem zweiten Thema in der Predigt, der Diktatur des Relativismus. Wenn Christi Herrschaft angefochten wird, treten andere „Götter“ an seine Stelle. Wenn das menschliche Ego, das menschliche Ich sein eigener Gott wird, dann gibt es keine transzendente Wahrheit, kein transzendentes Gutes und keine transzendente Schönheit mehr, dann wird alles subjektiv, alles abhängig von der Ich-Erfahrung.

Die Vergötterung des Selbst, die Anbetung des eigenen Ichs, begann sich im neunzehnten Jahrhundert zu verbreiten. Mit ihr kam die Vorstellung, den Gott des Juden- und des Christentums gebe es nicht mehr. Die Arbeiten von Ludwig Feuerbach (1804-1872) liefern ein klares Beispiel dieser Denkströmungen. In „Das Wesen des Christentums“ behauptete Feuerbach, Gott sei nur die Summe der Prädikate, welche die Größe des Menschen ausmachten. Er erklärte, der wahre Atheist sei nicht derjenige, der Gott, das Subjekt dieser Prädikate, leugne, sondern derjenige, dem die Prädikate des göttlichen Wesens, wie z.B. die Liebe, die Weisheit, die Gerechtigkeit nichts seien. [3]

Feuerbach hat eine ganze Schar antichristlicher Revolutionäre beeinflusst, darunter Karl Marx (1818-1883), Friedrich Engels (1820-1895), Nikolai Bakunin (1888-1938) und Nikolai Chernyschevski (1828-1889). Marx erklärte in seinen „Thesen über Feuerbach“, der einzige Punkt, in dem er nicht mit Feuerbach übereinstimme, sei der, dass er der Natur eine zu hohe und der Politik nicht genug Bedeutung beimesse.

Frontalangriff auf das Christentum

Den Höhepunkt seiner antichristlichen Entwicklung erreichte das neunzehnte Jahrhundert mit den Arbeiten von Friedrich Nietzsche (1844-1900). Nietzsche glaubte, das Christentum werde, obwohl es in der europäischen Kultur im Schwinden begriffen sei, weiterhin Einfluss ausüben, solange Wissenschaftler die christliche Moral nicht angriffen. Vor Nietzsche hatten Theologen dazu tendiert, ihre Kritik gegen anscheinende wissenschaftliche Ungenauigkeiten in der Bibel zu richten, doch sie hatten nicht direkt die christliche Moral angegriffen. 1888 schrieb Nietzsche:

„Man hat bisher das Christentum immer auf eine falsche, und nicht bloß schüchterne Weise angegriffen. Solange man nicht die Moral des Christentums als Kapitalverbrechen am Leben empfindet, haben dessen Verteidiger gutes Spiel. Die Frage der bloßen »Wahrheit« des Christentums – sei es in Hinsicht auf die Existenz seines Gottes oder die Geschichtlichkeit seiner Entstehungslegende, gar nicht zu reden von der christlichen Astronomie und Naturwissenschaft – ist eine ganz nebensächliche Angelegenheit, solange die Wertfrage der christlichen Moral nicht berührt ist.“ [4]

In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, vor allem von den späten sechziger Jahren an, ist Nietzsches Traum nach und nach verwirklicht worden. Dies trägt viel zu dem geistigen Unterbau für das bei, was Kardinal Ratzinger „Diktatur des Relativismus“ nennt. Wir leben in einer Kultur, in der die Wahrheit selbst Gegenstand des Spotts wird und man der Vernunft mit Argwohn begegnet.

Ein reifer Glaube weicht nicht zurück angesichts Welle um Welle geistiger Angriffe gegen die Kirche, gegen die christliche Offenbarung, gegen den Glauben an die Wahrheit, an das Gute und an die Schönheit.

Ratzinger umgeben von seinen mitbrüdern im Kardinalskollegium

Ein drittes Thema in der Predigt ist, dass sich ein reifer Glaube von solchen Wellen der Ideologie und ihrer Aufforderung zum Götzendienst nicht hin- und herwerfen lässt. Ein reifer Glaube weicht nicht zurück angesichts Welle um Welle geistiger Angriffe gegen die Kirche, gegen die christliche Offenbarung, gegen den Glauben an die Wahrheit, an das Gute und an die Schönheit.

Ein reifer Christ zu sein, besteht nicht allein darin, einer Liste theologischer Aussagen zuzustimmen, es geht darum, in der Sakramentenökonomie am Leben der heiligen Dreifaltigkeit teilzuhaben. Um zu einem reifen Glauben zu gelangen, muss man daher offen dafür sein, die Gaben des Heiligen Geistes zu empfangen und durch den Empfang sakramentaler Gnaden am Wachstum des Leibes Christi teilzuhaben.

Alle Formen der Idolatrie stehen einem solchen Wachstum zur Reife im Wege. Ratzinger führt an, dass Geld, Gebäude und selbst Bücher nicht für immer bleiben.

Wie lebt es sich für Christen unter der „Diktatur des Relativismus“?

Ein letztes Thema der Predigt besagt: Die Frucht eines Lebens, die über die Tragik des Todes hinausreicht, ist das, „was wir in die menschlichen Seelen gesät haben – die Liebe, die Erkenntnis; die Geste, die das Herz zu berühren vermag; das Wort, das die Seele der Freude des Herrn öffnet“. Das ist das „Gepäck“, das jeder Mensch zum Grenzposten der Ewigkeit mitführen kann. Das ist es, was letztlich zählt.

Ratzingers Mentor Hans Urs von Balthasar beendet sein Buch „Romano Guardini: Reform aus dem Ursprung“ mit der Aussage:

Es ist möglich, dass es für Christen in der Zukunft schrecklich einsam wird, weil die Liebe aus der allgemeinen Disposition der Welt verschwindet. Die Herausforderung, die vor uns liegt, ist der ,Mut des Herzens‘, vor allem da die Christen wissen, dass Opfer auf eine Weise dargebracht werden müssen, dass sie die Welt in eine unermessliche Fruchtbarkeit transzendieren.

Papst Benedikt XVI. bei der Eucharistiefeier

Mit anderen Worten: Balthasar hat verstanden, dass sich diejenigen, die unter der Diktatur des Relativismus leben, einsam und geschlagen fühlen können, so dass sie Mut brauchen. Sie brauchen einen reifen Glauben, nicht einen Glauben, der sich den wechselnden Winden des Zeitgeists beugt.

Der Schmerz der Einsamkeit ist nicht wertlos

Der Schmerz ihrer Einsamkeit ist jedoch nicht wertlos. Er kann für diejenigen aufgeopfert werden, die ihre Fähigkeit zur Liebe verloren haben. Auf diese Weise kann er die Quelle einer unermesslichen geistlichen Fruchtbarkeit werden. Unter der lieblosen geistigen Verwirrung der Diktatur des Relativismus und seiner Blindheit gegenüber der Schönheit sind wir alle in gewissem Sinne Karmeliten, obzwar benediktinische Schönheit, wo immer sie zu finden ist, eine tiefe Quelle des Trostes ist.

In dieser Ansprache an das Kardinalskollegium vor seiner eigenen Wahl hat Kardinal Ratzinger seine Mitbrüder im Kardinalsamt ermahnt, keine Angst vor dem Zeitgeist zu haben, wie antichristlich er auch sein möge. Sie brauchen den Mut eines reifen Glaubens, der in dunkler Nacht nicht verzweifelt.

Diese Botschaft ist nicht nur für diejenigen von Bedeutung, die ein hohes kirchliches Amt innehaben, sondern für alle Christen, die in einem gesellschaftlichen Umfeld leben und in Einrichtungen arbeiten müssen, wo ideologische Kämpfe Vernunft und Anstand und Machtspiele liebendes Dienen verdrängt haben.

Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller

Portrait von Tracey Rowland

Die Autorin, Professsor Dr. Dr. Tracey Rowland, ist römisch-katholische Theologin und lehrt an der „University of Notre Dame“ (Australien). Seit 2014 gehört Rowland der Internationalen Theologenkommission des Vatikan an. 2020 wurde sie mit dem Joseph-Ratzinger-Preis ausgezeichnet.

[1] https://ratzinger-papst-benedikt-stiftung.de/archiv/theol_israel/. [Ansprache 1992: Deutscher Buchtitel: „Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund]

[2] [ebd.]

[3] [Ludwig Feuerbach. „Das Wesen des Christentums“. iBooks, S. 79].

[4] [Das stammt nicht ! aus dem „Willen zur Macht“ Friedrich Nietzsche: „Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre“ Quelle: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 795-830]

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