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Benedikt-Anliegen

Unsere Beitragsreihe zu Festen des Kirchenjahres startet mit einer Pfingstpredigt aus dem Jahr 1978. Joseph Ratzinger, damals Erzbischof von München und Freising, warnte eindringlich vor den Gefahren einer seelischen Umweltverschmutzung, die die Herzen zerstört, und sprach über die Voraussetzungen für die Herabkunft des Heiligen Geistes. Seine Predigt hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Geistlicher Tiefgang und geistreiche Wegweisung auch für heute.

Der Heilige Geist in Sturm und Feuer

 

Pfingsten, München, 14. Mai 1978

Lesung: Apg 2, 1–11

Evangelium: Joh 20, 19–23

Rosenblätter-Regen am Pfingstsonntag, dem 8. Juni 2014 im Pantheon in Rom. Im Jahr 609, als Papst Bonifatius IV. die Pfingstmesse im Pantheon zelebrierte, soll bei seiner Predigt ein Rosenregen „wie Feuerzungen“ auf die Gläubigen niedergegangen sein. Daraus entstand der Brauch des pfingstlichen Rosenregens. Ein Regen aus roten Blütenblättern der „Königin der Blumen“ regnet auf die Köpfe der Gläubigen nieder.

Liebe Brüder und Schwestern,

Der Heilige Geist kam auf die Jünger, als sie an einem Ort versammelt waren, so berichtet uns die Lesung aus der Apostelgeschichte, die wir gerade gehört haben. Sie will uns damit etwas sagen über die Voraussetzung seines Kommens und zugleich über die Zeichen seiner Nähe.
 

Wenn wir den ganzen Bericht im Zusammenhang lesen, erfahren wir mehr darüber. Dort wird uns gesagt, dass Jesus vor seinem Scheiden den Jüngern auftrug, zunächst nichts aus Eigenem zu tun, sondern beieinander zu bleiben und die Gabe des Heiligen Geistes abzuwarten. Und so versammelt sich die kleine Schar der Glaubenden, zusammen mit Maria und den inzwischen durch die Wahl des Matthias wieder zur Zwölfzahl ergänzten Aposteln.

Voraussetzungen für die Herkunft des Heiligen Geistes
Sie wussten, dass ihr Beieinandersein, dass ihre Eintracht, die Voraussetzung für Pfingsten war. Und sie erkannten, dass wiederum die Voraussetzung für die Eintracht das Gebet ist. Denn nur das Gebet und nicht die raffinierteste Psychotechnik kann jenen seelischen Grund in uns freilegen, in dem wir einander berühren, in dem wir miteinander verträglich sind, in dem Friede und Einheit sind. Eintracht ist die Voraussetzung für die Gabe des Geistes und Gebet die Voraussetzung der Eintracht. Aber auch dies andere, das wir hörten, das wartende Offenstehen auf den Herrn, gehört dazu. Und hier gerade muss die Kirche unserer Zeit – wie mir scheint – ganz neu lernen.

Am Pfingstsonntag im Pantheon in Rom laut des Brauchs des pfingstlichen Rosenregens. Ein Regen aus roten Rosenblättern regnet auf die Köpfe der Gläubigen nieder.

Sehr oft würde eine einzige Stunde des stillen Hineinhörens in Gottes Wort mehr wirken als ganze Tagungen mit Sitzungen und Diskussionen. Und ein Augenblick des Gebetes würde fruchtbarer sein als ganze Stöße von Papieren.

Es gibt sehr viel Aktivität in der Kirche von heute. Es gibt einen Fleiß, der die Menschen bis an die Grenzen ihrer Kräfte, und oft darüber hinaus, beansprucht. Aber es gibt kaum noch jenes stille Verweilen vor dem Worte Gottes, in dem sich unser Wollen und Tun entkrampfen und gerade so frei und fruchtbar werden. Gewiss, der Herr braucht unseren Fleiß und unsere Hingabe. Aber wir brauchen seine Gegenwart. Wir müssen den Mut zum Ungetanen, und so die Demut des Wartens vor dem Worte, neu lernen. Denn sehr oft würde eine einzige Stunde des stillen Hineinhörens in Gottes Wort mehr wirken als ganze Tagungen mit Sitzungen und Diskussionen. Und ein Augenblick des Gebetes würde fruchtbarer sein als ganze Stöße von Papieren.
 

Misstrauen wir der Kraft Gottes?
Mitunter entsteht der Eindruck, dass hinter der übersteigerten Hektik unserer Aktivitäten ein Misstrauen gegenüber der Kraft Gottes steht. Und hinter der Vermehrung unserer Werke ein Lahmwerden unseres Glaubens, indem wir letzten Endes doch nur auf das vertrauen, was wir selber leisten und bewerkstelligen. Aber wir wirken gar nicht nur durch das, was wir machen, sondern nicht minder durch das, was wir sind, wenn wir reif und frei und wahr werden dadurch, dass wir die Wurzeln unseres Seins in die fruchtbare Stille Gottes hineinhalten.

Der Heilige Geist wird in der heutigen Lesung vornehmlich unter zwei Bildern dargestellt: unter dem Bild des Sturmes und unter dem Bild des Feuers. Sturm ist vor allen Dingen ein Ausdruck für Macht – für die alte Welt ein Zeichen der Macht Gottes, der die Welt herumwirbelt und die Sterne bewegt, als ob sie Sandkörner wären. Aber in diesem Bild des Sturmes verbirgt sich noch ein zweiter Gedanke; er ist nämlich auch Ausdruck für eines der vier Lebenselemente – das Element der Luft, das diese unsere Erde von allen anderen Gestirnen unterscheidet und sie zum Stern des Lebens macht. Nur wo Luft ist, haben Lungen Sinn. Nur wo sie ist, kann geatmet werden, kann Leben sein. Was dieses geheimnisvolle Element der Luft für biologisches Leben bedeutet, das ist das Heilige, der Heilige Geist, für jedweden Geist. Nur wo er geatmet wird, kann Menschsein, kann Humanität bestehen, kann Geist wirklich leben.

Die Vergiftungen des Herzens und des Geistes, die durch solche seelische Umweltvergiftung entstehen, sind weit alarmierender als die Erkrankungen, die durch die physische Luftverschmutzung stattfinden.

Wir lesen in den Zeitungen heute sehr viel von der Luftverschmutzung, die durch unsere Zivilisation eintritt. Und in den Ballungsräumen können wir auch, ohne solches zu lesen, durch eigene Erfahrung bemerken, dass wir in und mit dem Lebenselement Luft auch die Gifte einatmen, die das Leben zerstören. Aber von der geistigen Umweltverschmutzung, die die Atmosphäre zerstört, in der Geist leben kann, davon sprechen wir nicht. Und dabei sind die Vergiftungen des Herzens und des Geistes, die durch solche seelische Umweltvergiftung entstehen, weit alarmierender als die Erkrankungen, die durch die physische Luftverschmutzung stattfinden.
 

Bei einer Firmreise ist mir berichtet worden, dass an dem betreffenden Ort ein Drittel aller Kinder verhaltensgestört sind, weil sie Liebe nicht einatmen können, die das Urelement ist, dessen der Mensch zu seinem Wachsen und zu seinem Sein bedarf. Dass in der westlichen Welt Filme voller Gewalt und Verachtung des Menschen als etwas ganz Normales erscheinen, ist ein Zeichen, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, den Menschen mit Kot zu bewerfen, seine Würde zu verhöhnen und mit Füßen zu treten.

Benedikt XVI. am Pfingstsonntag, den 27. Mai 2012, im Petersdom, er hält ein goldenes Kreuz in der Hand und trägt seine Mitra.
Portrait Joseph Kardinal Ratzinger 1979 bei der Bischofskonferenz in Fulda

Die Würde des Menschen zu zertreten, hat nichts mit Freiheit zu tun

Wir sagen uns dabei: Dies ist eben Freiheit. Aber dass die Würde des Menschen zu zertreten und das Gemeine als normal hinzustellen zur Gewohnheit geworden ist und dass wir uns dabei irgendwelche schönen ideologischen Ausreden zimmern, ändert nichts daran, dass dabei die seelische Luft vergiftet wird, in der wir atmen müssen.
 

Gewiss, wo von innen her die Würde des Menschen nicht gegen solche Missbräuche schützt, sind auch Verbote sinnlos. Umso mehr müssen wir es als Christen als unseren Auftrag ansehen, uns um die reine Luft des Heiligen Geistes zu bemühen, der geistigen Umweltverschmutzung entgegenzutreten und in der Gemeinschaft der Glaubenden Oasen des Atmens und des Aufatmens für Herz und Seele zu schaffen.
 

Das zweite Bild für den Heiligen Geist in unserer Lesung ist das Feuer. Wenn in der alten Welt Luft als das Grundelement des Lebens erschien, so gilt Feuer als das Element, auf dem die Kultur beruht; also die Voraussetzung dafür, dass wir selbst Erde bebauen, formen und gestalten können.
 

Das Programm der Neuzeit: Nicht Gottes Bild, sondern nur unser eigenes Bild sein wollen

Feuer ist Licht, Wärme, Dynamik, die verwandeln kann. Aber es ist zugleich auch das Element der Zerstörung, des Untergangs, wo es aus der Kontrolle gerät. In der alten Welt wurde es als ein Stück von der Sonne, als das Element der Götter angesehen. Darauf, dass der Mensch darüber verfügen kann, beruhte es, dass man ihn für gottähnlich ansah.

Die griechische Welt hat den Mythos von Prometheus geschaffen, der den Kampf gegen die Götter führt, das Feuer vom Himmel herunterholt, auf die Erde bringt und damit eine neue Welt eröffnet. Goethe hat dieses Pathos in seinem Prometheusgedicht in erregende Worte gegossen: „Hier sitz’ ich, forme Menschen nach meinem Bilde. Ein Geschlecht, das mir gleich sei, zu leiden, weinen, genießen und zu freuen sich. Und dein nicht zu achten, wie ich!“
 

Dies ist geradezu zum Programm der Neuzeit geworden: Nicht Gottes Bild, sondern nur unser eigenes Bild sein zu wollen; die Macht über die Welt uns selbst zu geben und seiner, Gottes, nicht zu achten dabei und nichts von ihm zu erwarten. Aber nun, da es uns gelungen ist, das Feuer aus dem Himmel und aus der Tiefe, aus der Materie des Atoms zu reißen, beginnt doch die Frage, ob wir dabei die Erde nicht verbrennen, ob nicht das Element der Kultur und des Schöpfertums in unseren Händen umschlägt in das Element der Zerstörung und der Vernichtung.
 

Pfingsten sagt uns, dass der Heilige Geist Feuer ist und dass Christus der wahre Prometheus ist, der das Feuer vom Himmel geholt hat.

Pfingsten sagt uns, dass der Heilige Geist Feuer ist und dass Christus der wahre Prometheus ist, der das Feuer vom Himmel geholt hat. Ja, der Mensch soll Feuer haben, er soll nicht in einem langweiligen Dasein dahinvegetieren, er ist dazu geschaffen, Gott ähnlich zu sein, aber dieses Feuer als Kraft des Heiles bringt nicht der Titan, der Gott beiseite wischt, sondern der Sohn, der sich dem Feuer der Liebe aussetzt und damit die Mauern der Feindschaft niederlegt und so Feuer zur Kraft der Verwandlung, der Liebe und einer neuen Welt werden lässt.
 

Christentum ist Feuer. Es ist nicht eine langweilige Angelegenheit, ein frommer Wortschwall, mit dem wir uns an jeden Wagen anhängen können, um auch noch dabei zu sein. Christentum verlangt von uns die Leidenschaft des Glaubens, die zur Leidenschaft Jesu Christi steht und von ihr her die Welt erneuert.
 

Nehmen wir aus den Bildern und Gedanken der Lesungen von heute zum Schluss nur noch eines heraus: Der Heilige Geist überwindet die Furcht. Die Jünger, die sich eben noch – wie wir im Evangelium hörten – hinter verschlossenen Türen vor den Juden versteckten, die ihren Herrn gekreuzigt hatten und ja auch sie verhaften und hinrichten hätten können, diese Jünger treten heraus, furchtlos und verkünden die Botschaft von Christus, dem Gekreuzigten, ohne Angst, weil sie sich in den Händen des Stärkeren wissen.
 

Darstellung der Herabkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten in einem Evangeliar des Herder Verlags.

Der Heilige Geist überwindet die Furcht

Ein Priester, der einige Zeit in Afrika in einem Gebiet verbringen konnte, das noch kaum vom Christentum und von der europäischen Zivilisation berührt ist, hat mir erzählt, dass das Erschütternde und Bewegende dieser Erfahrung für ihn die lähmende Furcht gewesen ist, die das ganze Leben dieser Menschen beherrscht, die eigentliche Prägemarke des Heidentums, in dem der eine Gott nicht erschienen ist. Sie fürchten sich vor den Geistern der Toten, sie fürchten sich vor unbekannten Geistern, sie fürchten sich vor der Unberechenbarkeit der bekannten Geister. Das ganze Leben ist ein Kalkül der Furcht, des Auskommenkönnens mit den unheimlichen Mächten, denen der Mensch fast waffenlos gegenübersteht.
 

Der Heilige Geist überwindet die Furcht. Eine Welt des Heiligen Geistes ist nicht geprägt durch unbekannte Geister und Mächte, sondern durch den Geist, der die Liebe und als Liebe die Allmacht ist. Deswegen ist Furchtlosigkeit das Zeichen für den Heiligen Geist, der uns in die Hände der allmächtigen Liebe gibt. Und deswegen kann auch der Glaube, wo er gesund ist, furchtlos sich den Mächten der Welt entgegensetzen, weil er sich von dem geführt und behütet weiß, der als der Stärkere den Starken gefesselt hat (vgl. Mk 3, 27).
 

Wo der Glaube schwindet, wächst die Angst

Und es ist nicht so, wie es hingestellt wird, als ob in einer Welt, die den Glauben endgültig beiseite wischt, dann endlich die reine Vernunft und die reine Furchtlosigkeit aufstünden. Wo der Glaube verschwindet, muss der Mensch wieder beginnen, sich vor den unbekannten Mächten des Schicksals, der Zukunft, der Natur zu fürchten, die er nicht bannen kann, sondern nur der, der das All geschaffen hat und es in seinen Händen trägt.

So wollen wir an diesem Pfingsttag bitten, dass der Heilige Geist zu uns komme und das Angesicht der Erde erneuere.

Hier finden Sie künftig ausgewählte Beiträge von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. zu Festen des Kirchenjahres. Zum Start dieser Internetseite haben wir mit einer Predigt zum Pfingstfest begonnen. Die Veröffentlichung weiterer Texte folgt dem liturgischen Kalender der Kirche.

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